Das sagen die Eltern

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Angst und Verzweiflung

Eine Gemeinsamkeit aller Eltern mit gamesüchtigen Jugendlichen ist die Angst und Verzweiflung. Sie fragen sich Tag für Tag: Was ist geschehen, dass mein Sohn sich immer mehr in Fantasiewelten zurückzieht? Wird er sein Leben trotz der Sucht meistern? Hören diese massiven Auseinandersetzungen irgendwann auf?

Die Gamesucht von Jugendlichen belastet nicht nur sie selber in hohem Masse, sondern beeinflusst den gesamten Familienalltag. Eltern erzählen:

Ich habe meinen Sohn verloren

«Silo (16) hat sich immer mehr und mehr mit Computern beschäftigt. Zuerst spielte er auf dem Computer des Vaters, dann baute er mit seinem Kollegen seinen eigenen Computer zusammen. Damit ist er unabhängig von uns, wir haben keine Administratorenrechte.

Im Moment sitzt er von morgens bis abends vor dem Computer. Er lässt sogar die Rollladen herunter. Er schämt sich wegen seiner starken Akne und geht nur noch abends raus, wenn überhaupt. Von sämtlichen Sport- und Musikvereinen hat er sich abgemeldet, auch die Schule interessiert ihn nicht. Wir hofften, dass Silo in die Sekundarstufe A kommt, jetzt ist er in der Sek B.

Als er noch klein war, konnte ich meinen Sohn vom Computer wegziehen und mit ihm nach draussen gehen. Jetzt ist er gross und stark, daher kann ich nichts mehr ausrichten. Ich habe das Gefühl, ich habe meinen Sohn verloren.»

Jirina S., 56-Jährig (verheiratet mit Torsten S., 52-Jährig, Maschineningenieur)

Ich halte das so nicht mehr aus

«Die gröberen Probleme begannen vor fünf Jahren, als Nico (21) im Gymnasium eine Klasse wiederholen musste. Sie mussten damals während eines Semesters den Stoff selbstständig erarbeiten, was Nico nicht auf die Reihe gekriegt hat. Er sass immer mehr vor dem Computer und vernachlässigte auch seine Hobbys. Wir waren furchtbar verzweifelt.

Nico hat sich lange Zeit immer überschätzt und sich etwas vorgemacht, das nicht mit der Realität übereinstimmte. Ich dachte, ich kann da nicht länger zusehen. Dies ist nicht das, was ich irgendwie im Entferntesten von meinem Kind erwarten würde. Er hat auch heute noch die tollsten Fantasien, was er in seinem Leben machen will, es ist jedoch sehr schwierig, dass er etwas konkret anpackt. Er schiebt alles immer wieder auf und vertröstet uns.»

Philippe R., 57-Jährig, Rechtsanwalt

«Ich habe damals drakonische Massnahmen ergriffen und wurde sehr flink im Umgang mit Computern. Ich habe die Modemzeiten beschränkt, das Modem wurde nachts in unserem Schlafzimmerschrank eingeschlossen. Ich habe die Sicherungen rausgenommen. Ich hatte grosse Schuldgefühle: Ich hatte das Gefühl, ich konnte ihm meine Werte nicht mit auf den Weg geben.»

Susanna R., 48-Jährig, Rechtsanwältin (verheiratet mit Philippe R.)

Ich fühlte mich hintergangen und litt unter den ewigen Lügengeschichten

«Louis (16) wohnte die halbe Woche beim Vater, die halbe Woche bei mir. Inzwischen ist er ganz zu seinem Vater gezogen. Immer Donnerstagabend war der Wechsel. Er ging um sechs bei seinem Vater weg, um zu trainieren, und kam bei mir um viertel nach acht an. Er erzählte jedes Mal, was sie im Training gemacht haben und wie lässig es gewesen sei – bis wir herausfanden, dass er schon ein halbes Jahr lang statt ins Karate zu einem Freund geht, um zu gamen. Mein Vertrauen war zutiefst erschüttert, ich fühlte mich so hintergangen.

Irgendwann begann er auch nachts zu gamen. Er erhielt meinen Laptop für Schulaufgaben und musste ihn anschliessend jeweils herunterfahren. Der Laptop ist passwortgeschützt. Eines Nachts sorgte ich mich sehr, weil mein Sohn die ganze Zeit so stark hustete. Ich ging fürsorglich mit dem Hustensirup in sein Zimmer, da erwischte ich ihn an meinem Laptop, wie er wie ein Verrückter spielte. Er hatte meinen Laptop nur geschlossen, nicht aber abgeschaltet.

Louis erzählt uns eine Lügengeschichte nach der anderen. Das ist brutal, wie dies die Beziehung beeinträchtigt. Für mich ist diese «Nebenwirkung» viel schlimmer als die Gamesucht selber.»

Marianne V., 45-Jährig, Leiterin Human Resources

Für mich war es der Horror

«Pascal (18) hat sich bereits in der 1. Oberstufe plötzlich sehr zurückgezogen. Er verweigerte sich, kam nicht mehr zum Essen, sass nur noch hinter dem PC, wollte nicht mehr zur Schule gehen. Als ich mit meinem Sohn mittendrin gesteckt bin, das war der Horror für mich - das auszuhalten mit ihm zusammen. Ich habe mich wirklich machtlos gefühlt. Es waren sehr heftige Zeiten. Wir hatten massive Auseinandersetzungen. Es ist fast zu einem Beziehungsabbruch gekommen.»

Isabelle, 51-Jährig

Ich bin am Resignieren

«Mathias (14) findet nie einen Schlusspunkt. Er kann nicht aufhören mit dem Gamen. Inzwischen hat er sich einen eigenen Occasionscomputer gekauft. Es ist jeden Tag ein ewiger Kuhhandel, tagtäglich haben wir diese Auseinandersetzungen. Je mehr er online ist, desto schlechter werden seine Schulleistungen. Inzwischen ist er am Gymnasium als provisorisch eingestuft. Ich finde bei meinem Mann keine Unterstützung, ich kämpfe immer alleine gegen diese Sucht – wenn ich überhaupt noch die Kraft dazu finde. Ich habe verzweifelt nach Hilfe gesucht, doch meine Kinder kommen nicht mit in die Jugend- oder Familienberatung. Alleine hat das keinen Sinn. Ich weiss nicht mehr, was ich tun soll, ich bin am Resignieren.»

Marisa, 49-Jährig (verheiratet mit Reto, 55-Jährig, Chemielaborant)

Alle Namen wurden geändert und die Details so anonymisiert, dass keine Rückschlüsse auf Personen gezogen werden können.

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Patronat
Autor/-in
Betroffene Mütter und Väter (anonym)
Daniela Heimgartner
Revisor/-in
Franz Eidenbenz