Vorurteile

Inhalt

Sind Ausländer gewalttätig?

Schlechtere berufliche Perspektiven, Gewalterfahrungen in der Vergangenheit und ein besonderes Verständnis der Männlichkeit können das Gewaltrisiko steigern.

Mehr als 98% der jugendlichen Migrant/-innen werden nie eines Gewaltdelikts beschuldigt. Die Aussage „Ausländer/-innen sind gewalttätig“ ist also ein Vorurteil, und dieses Vorurteil stimmt nicht.

Fakt ist aber auch, dass in den Statistiken der Polizei die Ausländer übervertreten sind, d.h. es werden mehr Ausländer für Gewalttaten beschuldigt, als man es aufgrund ihres Anteils an der Bevölkerung erwarten könnte (Anmerkung). Wer beschuldigt wird, ist noch nicht schuldig. Die Schuld muss zuerst bewiesen werden: erst dann erfolgt eine Verurteilung.

Warum ist es so? Wir haben in Kursen und Projekten mit Tausenden von Jugendlichen über diese Frage gesprochen. Unsere Erkenntnisse basieren auf dieser langjährigen Erfahrung und haben uns bestätigt, dass es immer verschiedene Gründe zur Erklärung eines Gewaltvorfalls braucht. Es gibt junge Ausländer, die:

  • schlechtere berufliche Perspektiven haben (mehr), Die Lehrstellensuche ist für viele Jugendliche eine enttäuschende Erfahrung: Im Kanton Bern beispielsweise haben im Jahr 2014 24% der jungen Stellensuchenden keine Lehrstelle gefunden. Der Prozentsatz steigt auf 48% bei Jugendlichen ohne Schweizer Pass, d.h. jede zweite Person hat keine Lehrstelle gefunden!

    Es gibt mehrere Gründe, warum Jugendliche mit Migrationshintergrund es schwerer haben, eine Lehrstelle zu finden: Die Konkurrenz ist gross; sie müssen bei den deutschen Sprachkenntnissen unter Umständen einen Rückstand aufholen; ihre Eltern können ihnen weniger gut helfen, da sie die Ausbildungs- und Arbeitswelt in der Schweiz kaum kennen und auch keine beruflich relevanten Beziehungen haben.

    Nach wie vor gibt es aber auch Diskriminierung auf der Lehrstellensuche: Vorurteile können dazu führen, dass Bewerbungen von Jugendlichen mit einem bestimmten Migrationshintergrund ohne genaue Überprüfung abgelehnt werden.

    Diese Schwierigkeiten können dazu führen, dass der Einstieg in den Berufsalltag nicht gelingt und viel Frust zurückbleibt, zusammen mit dem Gefühl, nicht zu diesem Land zu gehören. Diese Erfahrung löst bei vielen Jugendlichen Enttäuschung, bei anderen aber auch Wut und Aggressionen aus. Diese Gefühle können Jugendliche mit oder ohne Migrationshintergrund erleben.
  • aus Familien kommen, die in der Vergangenheit Opfer schwerer Gewalt gewesen sind (mehr), Unter den Ausländer/-innen gibt es einen höheren Anteil von Jugendlichen, die massive Gewalt wie Krieg, Flucht oder Verfolgung in ihrem Heimatland erlebt haben. Wenn sie und ihre Familie keine Unterstützung bei der Aufarbeitung dieser schrecklichen Erfahrungen erhalten oder wenn sie Hilfe ablehnen, besteht bei einigen Menschen ein höheres Risiko, dass sie in Konfliktsituationen mit Gewalt reagieren.

    Das ist aber keine Eigenschaft von Ausländern, sondern eine Besonderheit der Menschen: Wer Opfer von Gewalt ist, kann unter Umständen in Zukunft Täter/-in werden. Die Gründe dafür findet man in der psychologischen Literatur.
  • ein besonderes Verständnis haben, wie sich ein Mann zu verhalten hat (mehr), Wie sich Männer zu verhalten haben, ist in jeder Kultur ein bisschen anders festgelegt. Die traditionell Männern zugeschriebenen Eigenschaften fördern teilweise gewalttätiges Verhalten. Eine Auswahl: Man soll stark sein und sich gegen alle und alles behaupten. Man soll ehrenhaft für sich einstehen und nicht den „Schwanz" einziehen. Superhelden und Kriegerfiguren sind typische Vorbilder für traditionelle Männer. Schmerzen, Schwäche und Gefühle sollen nicht gezeigt werden - man muss sie also verdrängen.

    In jedem Land herrschen verschiedene Kulturen, auch in der Schweiz. Sowohl im Ausland als auch bei uns gibt es Männer, die denken, dass sie mit Gewalt ihre Männlichkeit ausleben können: z.B. wenn sie ihre Frauen unterdrücken, schlagen oder beleidigen, oder wenn sie Menschen angreifen, die nicht in ihr Schema passen (z.B. Homosexuelle, Behinderte oder Ausländer/-innen). 

    Interessanterweise wird Kultur als Argument gegen Ausländer genutzt, obwohl sich die gleichen Argumente auch gegen gewisse Schweizer anwenden lassen. Letzendlich ist aber niemand Sklave seiner Kultur. Jeder Mensch kann selber entscheiden, welche Werte er ausleben will und in welcher Form. Und jede Kultur ist in Bewegung, hin zu mehr Gleichberechtigung.
  • auffällige Freizeitgewohnheiten haben (mehr), Sie gehen häufiger in den Ausgang (was sowohl das Risiko für Gewaltausübung als auch für Opfererfahrungen erhöht) und konsumieren mehr Medien, die gewalttätige oder pornografische Inhalte haben.
  • öfter kontrolliert und genauer beobachtet werden als die Einheimischen (mehr).  Wer kennt nicht die Situation aus der Schule: Da gibt es auch diejenigen, die den Ruf haben, dass sie Blödsinn machen. Diese Schüler/-innen werden immer zuerst verdächtigt, auch wenn sie es gar nicht waren. Sie haben doppelt Mühe zu beweisen, dass sie unschuldig sind.

    Ausländer/-innen aus bestimmten Kulturen erleben das gleiche Problem: Weil sie anders aussehen und ihre „Kultur" einen schlechten Ruf hat, werden sie genauer beobachtet und häufiger als die anderen kontrolliert. Somit ist durchaus möglich, dass auch Einheimische etwas Falsches gemacht haben, aber weil sie seltener kontrolliert werden, werden sie nicht erwischt. 

    Wenn ein Ausländer wirklich einen Blödsinn gemacht hat, wird er oder sie härter bestraft; zudem wird seltener ein Auge zugedrückt. Das sind weitere Gründe, die erklären können, warum Ausländer in der Polizeistatistik übervertreten sind.

Häufen sich diese Probleme, nimmt das Risiko für Gewalttaten zu. Aber: Auch wenn auf eine junge Person alle diese Punkte zutreffen, ist damit noch längst nicht klar, dass sie gewalttätig wird.

Wenn man versteht, was das Risiko von Gewalt fördert, kann man eher etwas dagegen unternehmen. Aus diesem Grund beschäftigen sich Fachleute mit dem Thema: Nicht um Gewalt zu entschuldigen, sondern um sie zu vermeiden. Und um Gewalt zu vermeiden, kann jede/-r von uns etwas machen: z.B. die eigenen Vorurteile abbauen.